≋ tiny fl ○ aters ≋

let's wander with our eyes closed.

The curve of the smile is rolling between frames. The super-imposed negative is a dense tube. Mark is standing beside a tomb on which is laid a Xerox of the Mona Lisa. It is a Super-8 Movie. No dialogue. Mark places flowers on the smiling face.

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Mark Waugh
aus: Bubble Entendre

uncle boonmee who can recall his past lives (cut)

Es kam mir vor, als hätte ich sie schlecht gelesen. Ich las Liebreiz in ihrem Gesicht, Aber es stand dort ein anderes Wort. Ein Ausdruck für Entschuldigung. Oder für Hilf mir. Oder für etwas ganz Neues. Ich verlas mich, erlag dem Eifer der Ergänzung halb gelesener Wörter. Ihre Hände suchten beieinander zu bleiben, die linke umfaßte das Handgelenk der rechten, als hielte sie ein Teil von sich vor unberechenbaren Griffen zurück. Ihre Arme hingen wie eine Tragschlaufe von den Schultern.
[…]
Als die Unmöglichkeit noch genügend Stoff und Stamm besaß, galt die große Unpassende, eine Frau wie Billie, oder gar die vom Wahn Besessene, für eine Kulturheilige. Am Ende der Unmöglichkeit angelangt, sind es nicht Anfechtung und Leid, sondern ausschließlich Spiel und Passung, die über die Entwicklung des höheren Typs entscheiden. Und nur der Erfolg zählt für ein Evolutionsprodukt. Kein Leiden, keine Bewußtseinsnot, kein Martyrium.
[…]
Es ist alles noch so neu für mich. Der Satz, mit dem man die Fremde entdeckt, wurde zu ihrer stehenden Redensart. Billies Mutter zeigte das Verhalten eines scheuen Menschen, der urplötzlich in seinem engsten Umkreis über das Gewohnte und Gewöhnlichste nur noch »Verwunderung bis zur Bestürzung« (Petrarca) empfindet. Die Wohnung war dieselbe, in der sie ihr halbes Leben verbracht hatte - minus Vertrauen. Der Ginster im Vorgarten war aber derselbe, an dem sie sich in jedem Frühjahr erfreute - minus Vertrauen. Vorsicht und Verwunderung war alles, was ihr geblieben, und das immer Gesehene erschien ihr wie nie zuvor gesehen. Vorsicht und Neugier lenkten ihre Schritte selbst in ihrem kleinen Zimmer, in dem ihr das Vertrauen geraubt wurde. Der Raub des Vertrauens, etwas von der Seele Abgehauenes, Apokope, keine Offenbarung, sondern … 'barung. Ein jähes Barwerden: bei sich zu sein in der Fremde. Ganz ohne die hilfreiche Tochter.

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Botho Strauß
aus: Der Untenstehende auf Zehenspitzen

Nach innen gepresste Augen machen sie aus,
ihr Kopf hängt sich an der Lichtleiste auf,
sie lassen ihn über dem Wasser
in der Schwebe treiben,
die Fische regen sich nicht,
lauschen mühsam dem Taghellen,
nicht wie die Mitternachtsschläferin,
die Freundin der unbewachten Hunde,
sie fletschen jetzt beide die Zähne,
entblindet und blind zaudern sie,
den Schallraum können sie
nicht verlassen:
das Cerebrum.

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Swantje Lichtenstein
aus: Entlang der lebendigen Linie

yong yong - meet lord prince infinito

…. excited …

Die Geschichte der Komunikation lässt sich als Geschichte einer zunehmenden Illuminierung des Steins beschreiben. […] Bei Martin Heidegger taucht der Stein häufig auf, und zwar als bevorzugtes Bespiel für das “bloße Ding”. Es ist etwas, was sich der Sichtbarkeit entzieht. In einer frühen Vorlesung bemerkt Heidegger: ” […] ein bloßes Ding, ein Stein, hat kein Licht in sich”. Zehn Jahre später schreibt er in dem Kunstwerk-Aufsatz: “Der Stein lastet und bekundet seine Schwere. Aber während diese uns entgegenlastet, versagt sie sich zugleich jedem Eindringen in sie.” Der Stein als Ding ist eine Gegenfigur zur Transparenz. Er gehört zur Erde, zur terranen Ordnung und steht für das Verborgene und Verschlossene.

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Byung-Chul Han
aus: Im Schwarm

Whenever I visit during the next decade, my aunt will perform the same actions, with the same deliberate energy I associate with following a recipe one knows very well or watching re-runs on TV. She will cry in exactly the same manner, in front of the neon NO VACANCY sign in the window, with the same uncontrollable wailing and tears and half-Chinese words I do not understand. None of this I can hear very well through the glass. When I think of these actions, they give off, like the paradox surrounding a guess, the appearance of slightness inside moments that have already happened, as if my aunt’s life were endlessly re-passing a single point in time, like an actor in a sitcom or a car going past the same highway exit night after night on its way home. And yet the repetition of my aunt’s tears meant something completely different ten years after it first happened.
[…]
Because we don’t watch TV continuously or closely, few seasons or even decades of TV can pass before us without us quite realizing it, and by three or four a.m. my aunt seems to be part of the anthropology of somebody else’s TV set. And yet watching my aunt watch TV makes me believe something about myself, like I am going to walk into a room and say something to someone who is there, like what are we having for dinner tonight? or did you hear about the person who put a quarter in someone else’s parking meter and was arrested for it? or it makes me want to talk about my family sitting around the TV listening to Chet Huntley talk about the Vietnam War when my mother says it is time to get up and eat dinner and we get up and eat our rice with red chopsticks out of bowls (one of them is green) my father made and sometimes we never say anything at dinner. Watching my aunt watch TV is deeply optimistic and romantic because most of these things I am thinking about never happen when I am alone, but they remain a kind of background music of “splendid conversation” (Emerson said that about Carlyle’s writing once) and everyday things going on in my head. For the two of us, watching television slowly, as evening goes into morning and the sound going in and out, is a lot like watching a plant reproduce.

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Tan Lin
aus: Insomnia and the aunt